Solo-Tauchen:
Solo-Tauchen:
Was wir als Tauchlehrer wirklich darüber denken
Zwischen Eigenverantwortung und Buddy-System
Kaum ein Thema wird unter Tauchern so kontrovers diskutiert wie das Solo-Tauchen. Für die einen ist es unverantwortlich, ohne Buddy ins Wasser zu gehen. Für die anderen gehört es mit zunehmender Erfahrung ganz selbstverständlich dazu.
Unsere Sicht liegt irgendwo dazwischen.
Wir lehnen Solo-Tauchen nicht grundsätzlich ab, sehen es aber auch nicht als erstrebenswertes Ziel. Die entscheidende Frage lautet für uns nicht: „Darf man alleine tauchen?“ Viel wichtiger ist: „Warum möchte ich diesen Tauchgang alleine durchführen und bin ich in der Lage, ihn ohne fremde Hilfe sicher zu beenden?“

Das Buddy-System ist nicht das Problem
Für die meisten Taucher bleibt das Buddy-System die beste Lösung. Ein gut eingespieltes Team bietet mehr Sicherheit als jeder Solo-Tauchgang.
In der Praxis erleben wir jedoch häufig etwas anderes. Viele Buddys tauchen zwar gemeinsam ab, verbringen den Tauchgang aber weitgehend getrennt. Große Abstände, unterschiedliche Erfahrungsstände, fehlende Kommunikation und mangelnde Aufmerksamkeit gegenüber dem Tauchpartner sind keine Seltenheit.
Ein Buddy schafft deshalb nicht automatisch Sicherheit. Er schafft nur dann Sicherheit, wenn beide Taucher tatsächlich als Team funktionieren.

Erfahrung ist wichtiger als das Brevet
Aus unserer Sicht wird die Bedeutung von Brevets häufig überschätzt. Ein Advanced Open Water Diver mit Deep-Specialty und 800 geloggten Tauchgängen bringt oft mehr praktische Erfahrung mit als ein Divemaster, der seine Ausbildung mit etwa 100 Tauchgängen abgeschlossen hat.
Für die Beurteilung eines Tauchers sind deshalb nicht Brevetstufen entscheidend, sondern tatsächliche Erfahrung, Fähigkeiten und das Verhalten unter Wasser.

Warum überhaupt solo tauchen?
Für uns sollte es immer einen nachvollziehbaren Grund geben. Solo-Tauchen ist kein Selbstzweck.
Typische Gründe können Foto- und Videoaufnahmen sein, gezieltes Skill-Training, neue Einstellungen am Equipment überprüfen oder einfach ein ruhiger Tauchgang ohne Abstimmungen und Kompromisse.
Gerade beim Training technischer Fertigkeiten oder bei der Unterwasserfotografie kann es angenehm sein, sich vollständig auf die eigene Aufgabe konzentrieren zu können.
Die Frage sollte deshalb nicht lauten:
„Kann ich diesen Tauchgang alleine machen?“
Sondern:
„Warum sollte ich ihn alleine machen?“
Warum wir die Solo-Diver-Ausbildung sinnvoll finden
Wir sind beide SDI Solo Diver Instructor und halten den SDI Solo Diver Kurs für eine sinnvolle Weiterbildung – selbst für Taucher, die niemals bewusst alleine tauchen möchten.
Der eigentliche Wert der Ausbildung liegt nicht darin, Solo-Tauchen zu lernen. Viel wichtiger ist die Fähigkeit, einen Tauchgang eigenständig zu planen, Probleme selbst zu lösen und auch nach einem Buddy-Verlust handlungsfähig zu bleiben.
Diese Fähigkeiten machen nicht nur einen besseren Solo-Taucher, sondern auch einen besseren Buddy.

Der Einfluss des technischen Tauchens
Unsere Sichtweise wird stark durch das technische Tauchen geprägt.
Dort gilt ein einfacher Grundsatz: Zuerst muss ich mich selbst retten können.
Fähigkeiten wie Valve Drills, Gasmanagement oder der Umgang mit Ausfällen von Ausrüstungskomponenten gehören dort zu den Grundlagen. Je komplexer ein Tauchgang wird, desto wichtiger wird die eigene Handlungsfähigkeit.
Deshalb sehen wir Redundanz und trainierte Fähigkeiten als wichtiger an als die bloße Anwesenheit eines Buddys.

Redundanz statt Hoffnung
Wer bewusst alleine taucht, benötigt eine passende Ausrüstungskonfiguration.
Für uns gehören dazu grundsätzlich eine redundante Atemgasversorgung, eine redundante Auftriebsmöglichkeit, eine Backup-Maske, eine Boje sowie zwei jederzeit erreichbare Schneidwerkzeuge.
Gleichzeitig ersetzt Ausrüstung keine Fähigkeiten. Ein Doppelgerät bringt wenig, wenn der Taucher keinen sicheren Valve Drill beherrscht. Redundanz funktioniert nur dann, wenn sie trainiert wurde.

Auch Solo-Tauchen hat Grenzen
Obwohl wir dem Solo-Tauchen grundsätzlich offen gegenüberstehen, gibt es klare Grenzen.
Freiwasser- und Nachttauchgänge sowie Tauchgänge mit geringer Dekompressionsverpflichtung würden wir unter den passenden Voraussetzungen auch ohne Buddy durchführen.
Anders sieht es bei Wrack-, Höhlen- oder Strömungstauchgängen aus. Hier steigt die Komplexität deutlich an und die Vorteile eines eingespielten Teams überwiegen aus unserer Sicht klar.
Interessanterweise gibt es bei SDI einen Solo Diver Kurs, jedoch kein entsprechendes TDI Solo Technical Diver Brevet. Auch technische Ausbildungsorganisationen sehen komplexe technische Solo-Tauchgänge nicht als sinnvollen Ausbildungsweg.
Selbstständigkeit und Eigenverantwortung sind wichtige Fähigkeiten. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Umgebung oder jede Aufgabe für einen Solo-Tauchgang geeignet ist.
Zusätzlich spielen lokale Regelungen eine wichtige Rolle. Viele Tauchplätze werden von privaten Betreibern geführt und deren Hausordnung steht grundsätzlich über jeder Zertifizierung.
So ist beispielsweise am Kreidesee Hemmoor Solo-Tauchen unabhängig von einer vorhandenen Qualifikation nicht gestattet. Andere Seen oder Tauchplätze erlauben es dagegen unter bestimmten Voraussetzungen.
Wer einen Solo-Tauchgang plant, sollte sich deshalb immer vorab über die örtlichen Bestimmungen informieren. Ein Solo-Diver-Brevet berechtigt nicht automatisch dazu, an jedem Tauchplatz ohne Buddy ins Wasser zu gehen.
Unser Fazit
Ein gut eingespieltes Buddy-Team bleibt aus unserer Sicht die beste Lösung. Zwei erfahrene Taucher, die aktiv miteinander tauchen und sich aufeinander verlassen können, bieten mehr Sicherheit als ein Solo-Tauchgang.
Die Realität sieht jedoch nicht immer so aus. Gerade auf Tauchreisen werden Buddys häufig zufällig zusammengestellt. Unterschiedliche Fähigkeiten, unterschiedliche Ziele und unterschiedliche Erfahrung führen nicht selten dazu, dass aus einem vermeintlichen Team lediglich zwei Taucher werden, die zufällig gleichzeitig im Wasser sind.
Wenn wir die Optionen bewerten müssten, wäre unsere Reihenfolge eindeutig:
- Ein funktionierendes Buddy-Team.
- Ein gut ausgebildeter und entsprechend ausgerüsteter Solo-Taucher.
- Ein ungeeignetes Buddy-Team.
Solo-Tauchen ist aus unserer Sicht weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schlecht. Entscheidend sind die Motivation, die Fähigkeiten, die Vorbereitung und die Bereitschaft, die volle Verantwortung für den Tauchgang zu übernehmen.
Wer gelernt hat, einen Tauchgang notfalls auch alleine sicher zu beenden, wird am Ende nicht nur ein besserer Solo-Taucher – sondern vor allem ein besserer Buddy.


